Die verflixte Sucht:

Wer kennt sie nicht, die Geschichten vom hustenden Nachbarn, der sich jetzt endlich das Rauchen abgewöhnt hat, aber neuerdings sehr viele Salzstangen verschlingt. Hat er es geschafft von der Sucht loszukommen? Immerhin raucht er nicht mehr!

Stop - hier möchte ich erstmal zwei Definitionen anbieten:

- 1.) Der Begriff Droge bezeichnet einen Wirkstoff, der seinem Charakter gemäße Wirkungen auf den Menschen bewirkt. Eine Droge ist in der Medizin ziemlich gleichbedeutend mit einem Wirkstoff, daher kommt ja auch der Begriff der Drogerie.

- 2.) Der Begriff der Sucht bezeichnet ein krankhaftes Verlangen nach etwas, eine unnatürliche Abhängigkeit von etwas. Jemand wies mich mal auf die etymologische Verwandschaft mit dem Begriff der Suche hin, da mag etwas dran sein, aber hier Paralellen zu ziehen kann meinem Ermessen nach auch zu gewissen Irrtümern führen, besonders wenn man so die Sucht positiv umdeutet, was ihrem destruktiven Charakter einfach nicht entspricht.

Nun kann man schon deutlich ahnen, daß der Nachbar aus dem oberen Beispiel offenbar die Sucht nach Tabak in mindestens eine Alternativsucht umtauschte, nämlich der nach Salzstangen. Sicherlich ist die Sucht nach Salzstangen - zumindest medizinisch - nicht so schwerwiegend destruktiv wie jene nach Tabakqualm, indes wissen wir nicht, was er neuerdings noch alles so treibt. Es spricht also vieles gegen einen Begriff von Sucht, der sich nur auf einen Wirkstoff oder auch eine Liste von (gesetzlich geächteten) Wirkstoffen, also Drogen und vieles für einen generellen Begriff der Sucht, wie es meine Definition auch ausdrückt. Sucht ist also etwas im Menschen, sagen wir, es ist eine Krankheit oder meinetwegen auch Besessenheit. Aber was ist Sucht denn genau und woher kommt es, daß ein Mensch mehr und ein anderer weniger süchtig ist? Sucht ist ein krankhaftes Verlangen sagte ich. Kann man nicht auch sagen, daß Sucht eine Flucht ist? Flucht vor verwirrenden Eindrücken, vor der Diskrepanz von sein-wollen und so-sein, vor gekränktem Perfektionismus, der in der Leistungsgesellschaft große Verbreitung gefunden hat? Oder hat Sucht gar einen selbstzerstörerischen Charakter? Sucht als Betäubung, als Ausdruck der Lebensverachtung oder gar der totalen Unkenntnis von tatsächlicher Lebendigkeit an sich? Sucht als seelischer Selbstmord, als Flucht vor dem Fühlen?

Was sind Drogen? Ist nicht alles Droge? Wie kann man denn nicht süchtig sein, wenn ich alles als Droge bezeichne was irgendeine Wirkung hat? Nun ist Sucht eine unnatürliche Abhängigkeit und man kann sich streiten was natürlich und was unnatürlich heißen soll. In jedem Fall ist aber für Sucht ihre Maßlosigkeit ein Maßstab ihrer Schwere. Jeder wird mir zustimmen, daß offenbar ein Mensch, der keine Kinovorstellung ohne Zigarettenpause auskommt im Vergleich zu einem Raucher, der das kann abhängiger, also süchtiger ist. Nun stellt sich allerdings wieder die Frage ob unser weniger süchtiger Raucher für die Dauer der Kinovorstellung auch auf einer Wiese so wenig Verlangen verspüren täte, ich meine es ist eher wahrscheinlich, daß der Drang auf der Wiese größer ist, sich eine Zigarette anzuzünden als im Kino (für den zivilisierten Menschen jedenfalls). Daraus kann man aber dann wieder ersehen, daß die Kinovorstellung offenbar auch den Charakter einer Droge hat - das hängt davon ab, wie lebendig derjenige ist, denn der Tote ist nahe völlig eins mit seiner Sucht und emotional vollkommen auf sich bezogen, weshalb er unfähig ist sich auf etwas zu konzentrieren. Sind denn auch alle Anregungen Drogen? Sicherlich gibt es große Unterschiede nochmals zwischen verschiedenen Filmen in unserem Beispiel. Warum regt der eine Film mehr an und der andere weniger? Ist es vielleicht zutreffender statt von Anregung von Aufregung zu sprechen? Hatten wir nicht vorhin schon von Flucht gesprochen? Also soll wirklich alles was irgendwie wirkt eine Droge sein?

Der Begriff der Droge ist zunächst einmal gar kein negativer Begriff, der Begriff der Sucht aber sehr wohl. Ich sagte schon, daß es wohl auch sehr auf das Maß ankommt in welchem Drogen konsumiert werden. Denk nur einmal ans essen: da gibt es Menschen die keine sonderlichen Ansprüche stellen und sich auch nicht groß um die Zubereitung scheren und da gibt es Menschen, die sich mit allerlei Wohlschmeckendem vollstopfen, meistens dick werden und unter satt sein ein gewisses Völlegefühl verstehen. Nun ist jede Nahrung nach meiner Definition ja offenbar eine Droge, denn niemand wird bestreiten, daß sie eine Wirkung auf uns hat, denn sie ist ja an sich als Sammelbegriff Nahrung lebensnotwendig. Alleine das Maß des Konsums macht hier den Unterschied von natürlicher und unnatürlicher Abhängigkeit, von Sucht oder nicht Sucht aus. Freilich weist jede Droge einen anderen Charakter auf, von Wasser wird man nicht so leicht süchtig wie vom Wein und so sind einige Dinge zu beachten was die Sucht angeht, man kann das mal der Pseudoobjektivität zuliebe in folgenden Formeln ausdrücken:

- Das Ausmaß der Sucht in einem Menschen entspricht der Summe der triebhaften Abhängigkeit von allen möglichen Drogen insgesamt. Erst die Maßlosigkeit macht die Sucht aus.

- Anregung ohne innere Ruhe, Kraft und Liebe zur Verdauung der Anregung wird zur Aufregung.

- Abhängigkeit von ungesunden Menschen einer ungesunden Gesellschaftskultur macht krank. (das ist ein Fortschritt = dies ist ein Schritt fort von dir / Komfort = Satan sagt: komm fort zu mir)

- Zu was "es" dich zu tun drängt, das ist eine Frucht deiner Besessenheit, deiner Sucht. Gott drängt nicht.

Warum aber ist denn nun der eine süchtiger als der andere? Was ist die Ursache von Sucht? Ich denke es ist der Mangel an wahrer Lebendigkeit, der einen Menschen dazu treibt sich selbst auflösen zu wollen. Warum begeht denn jemand Selbstmord? Doch nur weil er sich selbst und die Lebendigkeit in sich nicht liebt, denn wer sich selbst liebt, der ist fähig jedes noch so große Problem zu bewältigen. Wenn aber die Ursache eines Selbstmordes mangelnde Liebe zu sich selbst ist und das konkrete oder diffuse Problem nur der Anlaß, nicht die Ursache, sondern eine Folge der Ursache ist, dann wird es sich wohl bei der Sucht ähnlich verhalten, denn Selbstmord und Selbstauflösung sind sich verwandt, schließlich ist der Selbstmord nur die letzte Konsequenz von Sucht. Warum aber liebt ein Mensch sich selbst nicht und verachtet folglich sein dasein?

"Leer sein aller Kreatur heißt Gottes voll sein, und voll sein aller Kreatur heißt Gottes leer sein." Meister Eckhart

Ich bin geneigt zu sagen (in Bezug auf das Beispiel oben, nicht auf Meister Eckhart): dieser Mensch hat offenbar keine ausreichende Beziehung zu Gott, denn Gott und Liebe sind identisch ("wer nicht liebhat, der kennt Gott nicht; denn Gott ist Liebe." 1.Joh 4:8). Indem Gott die personifizierte Liebe an sich darstellt und tatsächlich ist, ist Liebe auch die Ursache allen seins. Mit Gott eint sich der Mensch am weitaus wirksamsten durch eine unmittelbare und bewußte Beziehung zu Jesus, der die Inkarnation der Liebe ist. Naturgemäß aber kann man sagen, daß es gewisse göttliche Eigenschaften im Menschen gibt - allen voran die Liebe, die mit Lebendigkeit identisch ist. Sünde hingegen ist im Grunde nie etwas anderes als Eitelkeit, denn Eitelkeit und Liebe schließen sich gegenseitig aus, beispielsweise ist Satan so ziemlich das eitelste etwas was man sich denken kann, weshalb er ja auch Gott Konkurrenz zu machen bemüht ist, denn ein Satan ist ein Ankläger. Die Eitelkeit aber ist der göttlichen Natur fremd und daher ist jeder eitle Mensch Gott ebenfalls fremd, indem er eitel ist und also auch egozentrisch, selbstverliebt, fordernd, trotzig, bockig, leicht gekränkt, oberflächlich, selbstunkritisch und eben vergnügungssüchtig. Ich denke jeder kann mehr oder weniger - wenn auch zähneknirschend - meiner Auffassung folgen, wonach die Ursache von Sucht letztlich die Eitelkeit ist und ob Christ oder nicht - da gibt es im Grunde nur ein wirklich wirksames Rezept: Liebe Gott über alles - was voraussetzt, daß man Gott im Geist oder gar Jesus als Gott erkannt hat - und deineN NächsteN wie dich selbst - liebe also jeden der dir begegnet wie dich selbst und nicht nur etwa alle anderen insgesamt so sehr wie dich selbst. Und in diesem Sinne behaupte ich: Jedem Menschen kannst du an seiner Sucht, an seiner Daseinsflucht, an seiner Mattheit seine tatsächliche Beziehung zu Gott quasi an der Nase ablesen. Und ich rate dir: nutze dieses Wissen, aber nutze es in Liebe um das Schlechte in den Menschen zu verstehen, dessen Ursache ihre Gottlosigkeit ist, um nicht hoffnungslos zu werden.

Martin